Moderne Buchkunst seit 1960 - Eine private Sicht -  
   

Wolfgang Henne - Deutschland

E-Mail vom 17.02.2004

 

fühlende, suchende bewegungen - die zusätzlichen haptischen wahrnehmungen sind erforderlich, um die gestalt buch zu verstehen. mein umgang wurde verfeinert in schon frühen lebensabschnitten, im vorcomputerzeitalter. der umgang formte sich zwischen antipoden - wie naiver unbekümmertheit und dem politischen system. künstlerbücher machen setzt eine experimentelle haltung voraus, um - vita communis - verschiedene medien zwischen zwei buchdeckeln zu vernetzen. korrespondenzen entstehen durch umblättern - um umblättern zu können, bedarf es einer füllmasse von einzelbildern, sequenzen, textarten, zahlen, diagrammen, umgesetzt durch die vielzahl der vorhandenen techniken und materialien. bei mir entsteht somit nicht eine festung, um die sich alles erklärende gruppiert, sondern die bücher leben von additiven momenten, dem aneinanderfügen von gedankensplittern. die idee, das konzept, die politische bedeutung, das ursprünglich vorauseilende gedankliche wird vorübergehend verdrängt durch die "körperarbeit" und nimmt danach wieder gestalt in texten, worten und wortgruppierungen an. dekodierbare schriften bis hin zu tagtraumtexten. im unternehmen totalität, in dem daten und informationen ständig am fließen gehindert, ausgebremst wurden, konnte man mit dem körper buch schnell reagieren, um erläuterungen künstlerischen denkens zu verbreiten. es war ein brechen von sprache und bildnerischer form, eine subversive sprache gegen die nomenklatur der parteibürokratie. eine neubewertung des verhältnisses von text und bild steht nach fünfzehn jahren immer noch aus. ich erfahre in meinem leben möglicherweise eine zweite gefährdung - das büchermachen als relikt, jenseits der informationsgesellschaft.