Moderne Buchkunst seit 1960 - Eine private Sicht -  
   

Helge Leiberg - Deutschland

E-Mail vom 11.02.2004

 

Büchermachen - Erweitertes Statement

 

Henry Miller oder:
Warum mache ich eigentlich Bücher?

 
 

Mich reizt das Sinnliche, also das Papier, der Geruch der Druckfarben, der Umschlag, das Haptische, was man zwischen den Fingern spüren kann.

Mich interessiert das Musikalische an einem Buch. Wie ist der Rhythmus des Blätterns, wie sind die Farben, die grafischen Elemente, das Schwarz-Weiß, die Form und Art der Schriften, die Bilder und deren Formate sowie das Verhältnis zwischen Bild und Text? Kann ich vielleicht was ausklappen? Ist es vielleicht von verschiedenen Seiten aus zu betrachten? Muß ich das Buch hin und her drehen?

Beim Büchermachen begeistert mich die intensivere Auseinandersetzung mit einem Text. Durch die Bilder zum Text kann ich diesem eine bestimmte Wertigkeit geben, die ein anderer vielleicht so nicht gesehen hätte. Zwischen dem Leser/Betrachter, dem Dichter und dem Maler baut sich eine Intimität auf, die kaum mit einem anderen Medium zu erreichen ist. In dieser Intimität zeichne ich anders, gehe ich mit Themen anders um als zum Beispiel im Tafelbild. Die Bildfindungen entstehen aus diesem Buchspezifischen, dieser Intimität.

Entstanden ist die Beschäftigung mit dem Grafikbuch aus der Situation, daß Freunde ernsthaft Gedichte schrieben, die nun veröffentlicht werden mußten. Meine Möglichkeiten waren eben die der originalgrafischen Vervielfältigung. Außerdem begannen mich von Anfang an diese oben beschriebenen Dinge zu fesseln, das heißt, der Gedanke, ein solches Grafikbuch zu machen, hat bei mir eine so starke freudige Erwartung und Erregung ausgelöst, dass ich in gewisser Weise süchtig geworden bin.

Warum Henry Miller, Jaques Prevert, Arno Schmidt, König Salomo etc.?

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, vorrangig mit Dichtern meiner Generation in Büchern zusammen zu arbeiten, so habe ich dieses Prinzip sehr früh und nicht ohne Grund gebrochen. Denn ich fand, daß manche Zeitgenossen weniger meinem Daseinsgefühl entsprachen als Autoren, die zu anderen Zeiten lebten. Von Henry Miller habe ich schon 1980 einen Text aus dem Roman "Der Koloss von Maroussi" in ein Grafikbuch gebracht. Die Auflage betrug 15 Exemplare. Damals begann ich, mich mit Tanz zu beschäftigen und in diesem Text spürte ich ein Lebensgefühl, eine Kraft und gleichzeitig auch eine Verzweiflung, die mir im modernen Ausdruckstanz wieder begegnete. Die Bilder in dem Buch sind ausschließlich Tanzbilder und ich habe den Text diesen Bildern einfach zugeordnet. Für mich gehörte beides zusammen.

Mit den anderen Autoren, die ich leider nicht mehr lebend kennenlernen durfte, erging es mir ähnlich.