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Metamorphosen des Ich:
Der fantastische Kosmos von Guido und Johannes Häfner
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"Coppelius trat hinzu, und eine blaue Flamme knisterte
auf dem Herde empor. Allerlei seltsames Geräte stand
umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater zum
Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus.
Ein gräßlicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften
ehrlichen Züge zum häßlichen widerwärtigen Teufelsbilde
verzogen zu haben."
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(E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann)
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So also sah die alchimistische Zauberküche der Romantik aus, in der sanftmütige Menschen zu Dämonen
mutierten, als sie versuchten, den göttlichen Schöpfungsakt in die eigenen Hände zu nehmen. Das
Wesen, das sie dabei erschufen, "ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich
gekleidetes Frauenzimmer" (E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann), diese Tochter des Professors der Physik,
Spalanzani, nennt sich Olimpia und bringt den guten Nathanael schier um den Verstand. Wie sehen nun
die Zauberküchen der Moderne aus? Besuchen wir aus diesem Grunde Johannes Häfner, der beruflich viel
mit E.T.A. Hoffmann zu tun hat, im Nürnberger Stadtteil "St. Peter" - wundersam genug, in der Nähe
des "Galgenhofs", der Gegend um den Hauptbahnhof. Kaum verwunderlich, dass er mit seinen Automaten
in einem schmucken Altbau aus dem 19. Jahrhundert lebt, aber so gar nichts von einem wirren
Wissenschaftler auf der Suche nach dem Stein der Weisen/dem Gral/der Blauen Blume an sich hat.
Eigentlich schade! Automaten? Richtig, Johannes Häfner lebt zusammen mit Automaten, die seine
ganze Wohnung bevölkern und - so erscheint es mir - die Kontrolle übernommen haben. Auch Olimpia
ist unter ihnen, von den Gebrüdern Häfner beschrieben als "eine Gliederpuppe ohne eigenen Verstand,
ohne Kritikfähigkeit - sie ist eigentlich ein Automat." (Guido und Johannes Häfner,
Informationen/Aktivitäten, 3/99) Zwar "im reinsten Ebenmaß gewachsen", aber der Kopf eben doch
zum Flachbildschirm geformt.
Dieses Durchdringen zweier künstlerischer und literarischer Epochen muss Ausgangspunkt sein, will
man den Kosmos der Brüder Guido und Johannes Häfner (be)greifen. E.T.A. Hoffmann, eigentlich Ernst
Theodor Wilhelm Hoffmann, der sich aus Verehrung für Mozart den Namen "Amadeus" aneignete, geboren
1776, Musiklehrer, Kapellmeister, Theaterkomponist, Schriftsteller, Maler und Zeichner. Johannes
Häfner, geboren 1961, Fachoberschule für Gestaltung, Fachhochschule für Kommunikationsdesign,
EDV-Kaufmann, Software-Entwickler, Künstler, Buchdrucker, Schriftsteller und natürlich auch
Komponist und Musiker. Sein Bruder Guido, geboren 1968, Feingerätemechaniker, TU München, Künstler
und Veranstalter. Alle drei Multitalente nähern sich ihrer Welt mit Hilfe unterschiedlicher
Disziplinen an und formen sie zu Wort und Bild: Der "Gespenster-Hoffmann", bekannt für seine
fantastische Dichtung, in der er sich den Grenzen des Bewussten nähert, nur um dann in die
dämonischen Tiefen der menschlichen Psyche vorzudringen und die Ordnung des Tages mit den
unterschiedlichen Formen des Wahnsinns abzulösen. Guido und Johannes Häfner, deren Arbeiten - egal,
welche Form sie einnehmen - mit einer ungeheuren Leichtigkeit und positiver Energie ins Leben
treten - und wenig mit der Düsternis Hoffmanns gemein haben, wie es zunächst scheint.
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Ein Automat, der Häfners Zuhause in mehrfachen Mutationen bevölkert, ist Olimpia, dem
Kosmos des Meisters E.T.A. Hoffmann entsprungen. Zu ihr gesellen sich die Schöpfungen der
Häfners - der Königskasper, dessen Frau, der Musterknabe, ein Kopfrüssler, das Schnabelbaby
und Hirnbirn. Diese Figuren, allesamt überzeichnet, grotesk, aber auch wieder liebenswert,
finden sich in den meisten Arbeiten der Häfners, seien es nun Stahl- und Holzplastiken,
Künstlerbücher, Zeichnungen oder Computergrafiken. Sie halten uns einen Spiegel vor, der
bloßlegt: Der Königskasper (von hoher Abstammung, als Heiliger Kaspar einer der Heiligen
Drei Könige), mit der Krone als Zeichen der Macht ausgestattet, trägt aber auch die
Königskaspermütze und ist damit zugleich Herr und Narr in seiner Familie. Der gut genährte
Musterknabe, der comichafte Kopfrüssler (ein Fabelwesen, das die menschlichen Konfliktsituationen
kommentarlos und urteilsfrei beobachtet) und schließlich Hirnbirn, der pubertierende Knabe, der
sich seiner Welt und ihren Möglichkeiten mit geöffneten Armen nähert - sie konstituieren Archetypen,
die sich in Papier, Bytes, Holz und Stahl zum Gesamtkunstwerk formieren. Die Wesen dieser Welt sind
uns wohl gesonnen und geben zunächst einmal nicht vor, uns gewaltsam in die dämonische Welt Hoffmanns
ziehen zu wollen. Sie laden uns ein - zur Betrachtung, zum Gespräch, zum Erinnern und
Wieder-erkennen. Ihre Wirkung ist jedoch schleichend und in den Folgen nicht absehbar.
Das Künstlerbuch "ETA-Leben", ein Leporello mit Computergrafiken und Mauszeichnungen von Johannes
Häfner, erschienen 2003 in einer Auflage von 26 Exemplaren, beschreibt diese Wirkung: Auf den
ersten Seiten dominieren, grell und in einer Explosion farbiger Striche, die Figuren der Welt
E.T.A. Hoffmanns und der Häfners - unruhig und losgelöst, als schienen sie aus ihrem Universum
hinauskatapultiert. Wie durch einen Schleier nimmt man Fotos von Menschen wahr, die im Hintergrund
agieren und durch Sprünge im Raum-Zeit-Kontinuum gelegentlich nach vorne treten. Plötzlich ordnet
sich diese Welt - es kehrt Stille ein, in der uns die Kunstfiguren hinter dem eingeblendeten Zitat
anblicken und mit uns in Kontakt treten wollen: "Er fand sich nirgend behaglich als in der Welt
seiner Ideen, Phantasien, Entwürfe und Tätigkeit. Wenn er nicht arbeitete, so wollte er das Leben
würzen. Er arbeitete mit Aufbietung aller seiner Lebenskräfte, aber ohne sich seiner Anstrengung
bewusst zu sein; dann war er abgespannt, in ihm und um ihn alles stumm und öde". (Helmina von
Chézy, Bei Hoffmann im Verhör) Mit den letzten Worten bricht der Kontakt wieder ab, das Zeitfenster
beginnt sich von außen her aufzulösen und das Bild zweier Menschen, von denen einer Bleilettern zu
Texten formt, tritt zurück - die imaginäre Bilderwelt ist schließlich zerstört. Diese Arbeit
verunsichert; ähnlich Hoffmann begibt sich Johannes Häfner hier mit dem Mittel der Computermalerei
an die Grenzen menschlicher Wahrnehmung, an den Einbruch des Unbewussten in die scheinbare Ordnung
des Alltäglichen.
Die Portraits, die man von den Häfners in den Medien findet, scheinen diesen Realitätsverlust zu
bestätigen: Ist Johannes in einem Selbstbildnis aus dem Jahre 1989/90
(Volksblatt/Volkszeitung, 04.01.1996) noch die Personifikation des Königskaspers, so zeigt
er sich am 06.03.1996 (Nürnberger Nachrichten) als nachdenklicher
Poet, hinter ihm der großzügige Schriftzug "Ich"; einige Monate später (
Nürnberger Anzeiger, 09.10.1996) präsentiert er sich hingegen als unbeschwerter Hippie mit
langen Haaren; am 10.02.1998 (Sulzbach-Rosenberger Zeitung) ist er
schließlich der distinguierte, freundlich lächelnde ältere Herr. Wer ist Johannes Häfner nun
wirklich? Eines seiner Bücher aus dem Jahre 2003 heißt "ICH ETA ICH". Ist das die Antwort auf meine
Frage? Und Guido Häfner? Ihn kennt man vor allem in Seiten- und Rückenansicht, mit Kopfbedeckung und
Ohrenschutz, gebeugt und kniend. Klar erkennbar hingegen Genius Dethelding, der Musterknabe,
Peregrinus. Obwohl ihnen mit Kettensäge und Schweißbrenner zu Leibe gerückt wird, sind sie die
eigentlichen Gewinner in diesem Vexierspiel. Und Sie, sehr geehrter, lieber Leser, sind Sie nun Guido
und Johannes Häfner noch auf der Spur, oder haben Sie unser Universum bereits verlassen? Passen Sie
auf!!!
Reinhard Grüner, März 2004
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